Liebe kennt kein Hitzefrei

Was haben kleine Hunde, Verbrecher und die Liebe gemeinsam? Richtig, sie alle nehmen Reißaus, wenn es brenzlig wird. Das muss auch Lexi feststellen, als ihr der äußerst gut aussehende Alex an einem heißen Sommertag quasi vor die Füße fällt. Das Timing könnte schlechter nicht sein, denn Lexi hat gerade wahrlich andere Sorgen. In ihrem beschaulichen Heimatort ist ein Mord geschehen, und sie ist die einzige Zeugin. Zum Glück entpuppt sich Alex als ausgezeichneter Ermittler. Aber kann er auch rausfinden, wie man Lexis Herz erobert?

Leseprobe

Kapitel 1

„Warum hast du einen Schokoriegel in deinen BH geklemmt?“

          „Und warum, bitte schön, hast du diesen Schokoriegel sofort bemerkt?“

         

Eigentlich hasste Lexi nichts mehr als Spinat und Joggen. Zu Mittag hatte es Spinat gegeben, das hätte sie misstrauisch machen sollen. Warum sie danach auf die verrückte Idee gekommen war, Joggen zu gehen, war ihr schleierhaft.

Vielleicht lag es an den fünfunddreißig Grad. Oder am Spinat. Oder schlichtweg an dem Horrortag. Ein weiterer LKW-Fahrer war auf der Sauerlandlinie überfallen worden. Die Diebe hatten ihn mitten in der Nacht niedergeschlagen und dann seine Ladung gestohlen. Den ganzen Tag über hatte Lexi recherchiert, aber die Polizei hatte nur widerwillig Informationen herausgegeben. Ein harter Tag. Und er endete nicht viel besser.

Im Schneckentempo quälte sich Lexi Meter um Meter an der Bigge entlang, mit hochrotem Kopf, Tunnelblick und heftig pochendem Herzen. Die wunderschöne Landschaft mit dem glitzernden See zur Linken und Schatten und Geborgenheit spendenden Bäumen zur Rechten ließ sie kalt. Und als hätte es nicht schlimmer kommen können, joggte auch noch ihr Chef an ihr vorüber. Federleicht, völlig mühelos und extrem sportlich. Er bedachte sie mit einem mitleidigen Blick und nickte ihr knapp zu, ehe er davonpreschte. In dieser Sekunde schwor sich Lexi, die Turnschuhe zu verbrennen.

Sie war extra zum Sonderner Kopf am nördlichen Ufer des Biggestausees gefahren, weil sich hier selten ein eingefleischter Olper hin verirrte. Zum Spazierengehen liefen die Einheimischen grundsätzlich um das Vorstaubecken der Bigge, weil der Weg dort viel romantischer und schöner war. Das war am anderen Ende des Sees. Lexi hatte bei ihrem ersten Joggingversuch nicht die geringste Lust auf mögliche Zeugen verspürt und hatte deshalb den Sonderner Kopf gewählt. Doch ihr Plan war offensichtlich fehlgeschlagen. Verdammt.

          Der Einzige, der die Tour – oder besser: die Tortur – genoss, war ihr Hund Pepe. Der kleine Mischling tobte vorneweg. Seine weißen Ohren hüpften bei jedem Freudensprung auf und ab.

Ihr Blick fiel auf einen fremden Mann, der auf einer Bank saß und alle viere erschöpft von sich streckte. An seinem Jogging-Outfit erkannte sie, dass er wohl ebenfalls zum Laufen hierhergekommen war. Offenbar war sie nicht die Einzige, die sich übernommen hatte und nicht mehr weiterkonnte.

Nach einem zweiten Blick stellte sie jedoch fest, dass der Sportler krank aussah. Er war kreideweiß im Gesicht. Alarmiert passierte sie den Mann und musterte ihn aus den Augenwinkeln. Er hatte die Augen geschlossen und atmete betont gleichmäßig. Wie es schien, war ihm schlecht.

Hmm. Mal abgesehen von der ungesunden Farbe im Gesicht sah er ziemlich gut aus. Groß, athletisch, gut gebaut. Er hatte dunkelbraune kurze Haare. Auf jeden Fall gefielen ihr der Schwung seiner Lippen und die recht markante Wangenpartie. Sie verliehen seinem Gesicht etwas Männliches. Anziehendes. Dazu passten auch die breiten Schultern und die Andeutung eines Sixpacks. Das war Dank der eng anliegenden Sportklamotten zumindest im Ansatz zu erkennen. Seine Nase war ein winziges bisschen krumm, aber gerade dieser Makel machte sein Gesicht noch interessanter.

Sekunden später war Lexi an der Bank vorübergelaufen. Der Schweiß sammelte sich mittlerweile auf ihrer Stirn und unter den Achseln. Da sie eigentlich nie richtig schwitzte, war das ein Zeichen höchster Anstrengung. Okay. Vielleicht war es auch wirklich nicht die beste Idee gewesen, bei fünfunddreißig Grad mit Joggen anzufangen.

Abrupt blieb sie stehen. Schluss, aus, vorbei. Sie hatte genug von körperlicher Fitness, Stolz hin oder her.

Pepe hatte natürlich bemerkt, dass sein Frauchen ihm nicht mehr folgte und kam zurück. Als er sah, dass sie tatsächlich umdrehte, jaulte er leise auf. Ihr Herz war jedoch nicht zu erweichen. Sport oder leidender Hund – da fiel ihr die Entscheidung nicht schwer. Außerdem war Pepe ohnehin niemals müde zu kriegen.

Pepe verharrte noch einen Moment, sah dann aber anscheinend ein, dass er verloren hatte. Er folgte ihr, die Nase bereits am Boden.

Lexi wurde in dieser Sekunde wieder langsamer. Mist. Sie hatte den gestrandeten Jogger vergessen. An dem würde sie jetzt vorüberschleichen müssen. Kurz überlegte sie, nur für ihn eine kleine Show abzuziehen und möglichst federleicht an ihm vorbeizuhüpfen, verwarf den Gedanken aber.

Dem Kerl war so schlecht, da hatte er wahrscheinlich keinen Blick für sportliche Frauen.

Tatsächlich verharrte er noch immer in genau der gleichen Stellung wie zuvor. Den Hinterkopf hatte er auf der Rückenlehne abgelegt, die Augen geschlossen. Oder sonnte er sich nur? Bei den Temperaturen war das keine besonders gute Idee.

Innerlich verdrehte Lexi die Augen. Ihr war längst klar, was sie jetzt gleich tun würde. Jeder andere Jogger trabte einfach vorüber, musterte den Gestrandeten skeptisch und dachte sich wahrscheinlich still und heimlich: gut, dass ich das nicht bin.

Lexi brachte das nicht übers Herz. Zwei Schritte noch, dann fiel ihr Schatten auf den Mann. Er hatte sie garantiert bemerkt, tat aber so, als wäre das nicht der Fall. Im Ignorieren war er echt gut, das musste man ihm lassen.

Jetzt sah Lexi, dass seine Sportkleidung ziemlich modern war – Markenware. Doch im Gegensatz zu ihren Hightech-Klamotten schien er seine häufig zu tragen. Die Farben waren ausgeblichen und verwaschen, der Saum der Jogginghose bereits ausgefranst.

Blaue Hose, schwarzes T-Shirt. Eindeutig kein Modemensch. Offenbar legte er mehr Wert auf Funktionalität.

Jeder normale Mensch hätte dieses Gespräch mit: „Geht es Ihnen gut?“, begonnen. Doch Lexi dachte in schöner Regelmäßigkeit nicht besonders konventionell.

„Ziemlich superteure Sportklamotten, die Sie da zum Sonnenbaden anhaben“, sprach sie ihn an.

Er atmete noch einmal tief ein, öffnete langsam und vorsichtig die Augen und blinzelte sie aus engen Schlitzen an. „Ziemlich teure Joggingklamotten, die Sie da zum Spazierengehen tragen“, erwiderte er flapsig. Seine Stimme klang ein bisschen kratzig und belegt.

Sein direktes Kontra brachte Lexi aus dem Konzept, aber sie fing sich rasch wieder. „Na ja. Normalerweise wird man beim Sonnen irgendwann rot. Sie sind froschgrün mit einem Schuss Leichenblässe.“

„Und Sie haben Ähnlichkeit mit einer gestressten Tomate.“ Kaum hatte er das gesagt, seufzte er tief. „Entschuldigung. Das war mehr als unhöflich und ziemlich kindisch.“

„Und nicht gerade kreativ.“