Funkenmagie

Als sich Inea in den geheimnisvollen Eamon verliebt, ahnt sie nicht, dass er der Retter ihres Volkes ist: Ein Krieger, der in Zeiten höchster Not erschaffen wird. Danach muss er jedoch vernichtet werden, weil seine Macht ihn zum Bösen verändert. Doch was passiert, wenn dieser Krieger zu lieben beginnt? Als genau dies geschieht, droht Eamon seine Magie zu verlieren. Nur wenn er Inea und damit die Frau, die er in sein Herz geschlossen hat, tötet, kann er seine Bestimmung erfüllen. Inea will ihn trotz der Gefahr nicht aufgeben und stellt sich einem kaum greifbaren Gegner: der Funkenmagie.

Kapitel 1

Der Fy

Was ist das?«, fragte ich entsetzt und starrte die graue Pampe angewidert an.
»Irgendwas mit gestampften Kichererbsen und alten Fleischresten. Woher die stammen, willst du nicht wissen. Dem Koch ist die Matsche zusätzlich noch angebrannt.«
Ich rümpfte die Nase, denn der Brei sah nicht nur widerlich aus, er roch auch so. Trotzdem zog sich mein Magen schmerzhaft  zusammen. Ich hatte seit dem Morgengrauen nichts gegessen und wusste, dass ich den restlichen Tag keinen weiteren Bissen bekommen würde. Unser Schloss hungerte – und das bereits seit drei Jahren. Seufzend nickte ich dem Küchengehilfen zu, der genauso unglücklich über die Pampe war wie die hungrigen Mäuler, die er zu stopfen hatte. Mein kleiner Winddrachen auf meinem Kopf bewegte sich in dieser Sekunde nach vorne, um in die Schüssel zu starren. Fluh schnupperte und jammerte leise. Auch sie musste hungern, solange ich nichts zu essen bekam.
Mein Blick fiel auf die lange Schlange von Burgbewohnern. Sie
sahen alle ausgemergelt und erschöpft aus, die Gesichter grau vor
Müdigkeit und Angst, die Klamotten starr vor Dreck und Blut. Der
Krieg hielt uns gemeinsam fest im Griff.
Ich drückte die Schüssel mit dem Klecks Brei wie einen Schatz an
die Brust und wartete geduldig, bis mir eine alte Küchenfrau noch
einen daumenbreiten Streifen Brot in die Hand quetschte. Sie zuckte
mit den Achseln, als sie meinen entsetzten Blick bemerkte.
»Wir müssen nicht mehr lange hungern, meine Kleine. So oder so
ist es bald vorbei.«
»Meine Henkersmalzeit habe ich mir aber etwas üppiger vorgestellt«, erwiderte ich.
Die Alte verdrehte die Augen. »Wenigstens haben wir hier im
Schloss ein wenig Brot. Da draußen in den Schützengräben gibt es
nichts außer gebratene Ratte.«
Da hatte sie auch wieder recht. Bevor sie mir noch mehr den Appetit verderben konnte, ging ich weiter und machte Platz für den Nächsten, der mit der Alten zu diskutieren begann.
Ich sah mich kurz im Raum um und entdeckte bald eine Gruppe Sidhe, die ich kannte. Meine Freundin Mina winkte mir hektisch zu und ruderte wild mit den Armen, um mich zu sich zu locken. Ich folgte der Aufforderung und stand wenig später neben den zierlichen Elfenwesen, die über den Stühlen schwebend ihren Brei löffelten. Warum sie sich dennoch um einen Tisch scharrten, blieb mir ein Rätsel.
»Ich setze mich heute nicht zu euch«, sagte ich zu Mina, bevor sie überhaupt das Gespräch eröffnen konnte. Mina sah mich schockiert an. »Wir haben dir extra einen Platz frei
gehalten«, protestierte sie. Da ich als Einzige in der Truppe nicht fliegen konnte, war das natürlich keine große Kunst.
»Heute ist Auszeit für mich«, erklärte ich achselzuckend und nickte den schimmernden Gestalten noch einmal aufmunternd zu.

Das Elfenvolk sah ähnlich mitgenommen aus wie wir Menschen. Ihr ursprüngliches Strahlen war zu einem leichten Glanz verblasst, auch die Körper wirkten ausgezehrt und mager. Natürlich waren die Sidhe
schon immer zierlich gewesen, doch jetzt sah ich deutlich die Wangenknochen hervorstechen. Die unnatürlich riesigen Augen waren noch gigantischer als sonst.
Die meisten Sidhe waren etwa so groß wie mein Kopf, allerdings machten sie das durch ziemlich überdimensionale Flügel wieder wett. Eine Sidhe mit ausgebreiteten Schwingen hatte eine Spannweite von bestimmt drei Schritten.
Gerade eben flatterten sie fast lautlos vor sich hin, die Flügel halb angeklappt, durch ihre Magie getragen. Die schimmerte bläulich, wodurch die ohnehin blassen Körper noch durchscheinender wirkten. Im krassen Kontrast standen dazu ihre Haare – die gab es in allen Tönen, von Meergrün bis Himmelblau.
Meine Freundin Mina hatte die schönsten grasgrünen Strähnen, die ich je gesehen hatte. Die Augenfarbe erinnerte eher an dunkles Moos, durchsprenkelt mit ihrer blau gefärbten Magie. Eben jene schillernden Augen durchleuchteten mich jetzt und musterten mich ebenso intensiv wie ich sie. »Auszeit für dich? Du weißt schon, dass es gut die letzte gemeinsame Mahlzeit sein könnte?«
»Das merkst du bereits seit einer Woche an – und bislang hast du mich damit jedes Mal überreden können, doch heute brauche ich einen Moment für mich. Bis später!«
Ich hob grüßend die Schüssel und die Sidhe wedelten zum Abschied mit den Löffeln. Während ich zur Tür ging, pfiff ich nach Diamad. Das war mein zweiter Drache. Der krabbelte wie immer unter den Tischen herum, stets auf der Suche nach heruntergefallenen Essensresten. Drachen ernährten sich zwar eigentlich nur von der Lebensenergie ihrer Besitzer und von Glutsteinen, doch Diamad naschte gerne.
Als er den Pfiff hörte, startete er durch und flatterte zu mir herüber. Fluh, meine fast unsichtbare Drachendame, begrüßte ihn leise mit einem Schnauben. Sie war die ältere von beiden und definitiv besser erzogen. Sie blieb stets bei mir, zusammengerollt wie eine Katze auf meinem Kopf. Da ihre luftige Gestalt nichts wog, verspürte ich höchstens mal einen sanften Lufthauch, sobald sie sich bewegte.
Diamad hingegen war eine andere Nummer. Der Feuerdrache ließ sich plump wie eh und je mit dem ganzen Gewicht auf meine rechte Schulter fallen und trompetete vergnügt ein Hallo.
Mein Ohr klingelte und der Nacken protestierte. Diamad wog mittlerweile bestimmt an die zehn Kilo und jede seiner Landungen brachte mich erst einmal aus dem Gleichgewicht.
»Bleib bei mir«, ermahnte ich ihn. Er drapierte sich als Antwort quer über meine Schultern, sodass er wie eine Art lebendiger Schal um meinen Hals lag. Sein schuppiger Schwanz schlängelte sich dabei um meinen rechten Oberarm. Ich war die Kletterei gewohnt und bemerkte sie nicht einmal mehr. Allerdings war klar, dass sich Diamad bald einen neuen Stammplatz suchen musste – er wurde langsam zu groß, um als Schal durchzugehen.
Doch heute konnte gut unser letzter Tag sein, und da mochte ich nicht kleinlich sein.
Ich drängelte mich an den Menschen und den anderen Wesen vorbei, die gerade den Essensraum betreten wollten. Viele warfen einen angewiderten Blick in meine Schüssel, andere machten mir Platz. Dank meiner Drachen hatte ich mir ein wenig Respekt erarbeitet. Ich nickte jenen zu, die ich kannte, und grüßte diejenigen, die mich ansprachen. Fünf Schritte später war ich aus dem Pulk heraus und huschte den rechten Gang Richtung Südturm hinunter. In den Bereich verirrte sich so gut wie niemand mehr, immerhin war der Südturm vor zwei Jahren komplett in sich zusammengestürzt. Er hatte dabei netterweise einen derartigen Schutt- und Geröllhaufen hinterlassen, dass sich unsere Angreifer nicht hatten hindurchquälen können. Seitdem waren die Angriffe von dieser Seite seltener geworden, bis sie ganz ausblieben.
Ab da besuchte ich den einsamen Südturm, wann immer ich allein sein wollte. Auf einer halb eingestürzten Aussichtsplattform hatte ich mir eine Art Lager gebastelt, bestehend aus Fellen, zwei Kerzen und ein paar Pflanzen. Mein ganz persönlicher, geheimer Garten. Sogar ein Dach gab es, gebildet aus Trümmerstücken und dem schräg stehenden Südturm.
Leise vor mich hin pfeifend verließ ich den Gang, kletterte über eine halb eingefallene Mauer und balancierte zwei Stege entlang, um zu meiner Plattform zu gelangen. Dabei lauschte ich auf die so vertrauten Geräusche des Krieges. Offenbar beschossen die Tul Curragh wie immer die dritte Festungsmauer. Die hielt jedoch seit zwei Jahren stand, magisch verstärkt und von den fleißigen Puk wieder geflickt. Ohne die Gnome und unsere Kriegsmagier hätten wir schon längst einpacken können.
In Gedanken machte ich es mir bereits unter dem Farnbusch bequem, erstarrte jedoch, kaum dass meine Zehen die Plattform berührten. Mein Blick fiel auf meine Felle, die normalerweise ordentlich übereinandergestapelt in einer Ecke lagen. Jetzt allerdings waren sie wie ein Teppich ausgebreitet – und ein Mann saß darauf.
Ich starrte ihn entgeistert an und ließ fast die Breischüssel fallen. Im letzten Moment packte ich fester zu, bewegte ansonsten aber keinen Muskel.
Auch Diamad und Fluh richteten sich auf, musterten den Fremden. Der saß im Schneidersitz auf meinem Lieblingsfell und blickte uns so erhaben entgegen, als sei er der Herr im Hause hier.
»Wer bist du und was willst du und warum sitzt du auf meinen Fellen?«, eröffnete ich umgehend das Gespräch, nachdem ich ein paar Wortfetzen aus meinem entgeisterten Gehirn gefischt hatte.
Er zog eine Augenbraue hoch und blickte hinunter auf seine flauschige Unterlage. »Ich nahm an, dass diese mottenzerfressenen Fetzen herrenlos sind«, sagte er trocken. Seine Stimme klang überraschend warm, angesichts der Tatsache, dass er eindeutig ein Fy war.
Ein Magier der Kriegerkaste.
Zugegebenermaßen war ich noch nie einem von ihnen so nah gewesen. Die Fy sonderten sich vom gemeinen Fußvolk ab, wohnten fernab der anderen – was vermutlich daran lag, dass sie stets in direkter Nähe ihrer Feinde lebten, also quasi im Schützengraben hausten.
Dieser hier hatte eindeutig ordentlich was abbekommen, denn sein Gesicht war über und über mit Kratzern, Schnitten und Brandwunden übersät. Ein Auge war etwas zugeschwollen, die Lippe geplatzt, das eine Ohrläppchen weggefetzt.
Er sah zum Fürchten aus.
Trotzdem richtete ich mich auf und wich um keinen Millimeter zurück. »Diese wundervollen Felle habe ich mühevoll im Schloss zusammengesammelt und sie hier für mich hinterlegt. Sie gehören mir. Du musst gehen.«
Der Fremde hob spöttisch eine Augenbraue und lehnte sich provokant nach hinten, sodass er jetzt halb auf meinen Fellen lag. Dabei ließ er mich keine Sekunde aus den Augen. Ganz der Krieger. »Wer es findet, dem gehört’s«, erwiderte er.
»Nicht, wenn da überall mein Name draufsteht.«
Er runzelte die Stirn, sah sich um. »Wo steht … oh!« Sein Blick war auf die mühsam eingebrannten Buchstaben gefallen, die ich in nächtelanger Arbeit in jeden einzelnen Fetzen gestanzt hatte.
»I-Punkt heißt du?«, fragte er und grinste.
»Inea«, korrigierte ich und wedelte mit der Hand. »Wenn du jetzt bitte entschuldigst. Könntest du dich trollen?«
»I. ist nicht besonders präzise, sobald es um die Markierung eines wertvollen Besitzes geht«, erwiderte er und überging meinen Einwand damit einfach. Für einen entsetzlichen Moment dachte ich, er würde weiterdiskutieren, doch schließlich stand er auf und klopfte übertrieben sorgsam das eine Fell ab, auf dem er gesessen hatte.
»Bitte schön, die Dame.« Er zwinkerte mir zu und trat zur Seite. Anstatt jedoch an mir vorbeizugehen und die Plattform zu verlassen, zog er sich den schwarzen Mantel von den Schultern und ließ ihn etwa fünf Schritte vom Fell entfernt fallen. Fassungslos beobachtete ich, wie er sich niederließ, vorbeugte und seinen Waffenstapel zu sich zog.
»Äh …«, brachte ich schwach hervor. »Schon mal was von Privatsphäre gehört? Das Schloss ist riesig. Musst du ausgerechnet hier dein Lager aufbauen?«
»Ja.«
»Ja?«
»Ja.«
Okay. Da war jemand äußerst stur. Für einen winzigen Moment erwog ich, weiter mit ihm zu diskutieren, doch dann ließ ich es bleiben. Ich war viel zu müde und zu hungrig, um mich zu streiten. Ich sah es allerdings auch nicht ein, wieder zu gehen. Daher lief ich zu meinen Fellen, zog sie so weit wie möglich von dem Fremden fort und setzte mich. Augenblicklich sprang Diamad von meiner Schulter und hockte sich neben mich, die glitzernden Reptilienaugen wie festgeklebt auf den Fy gerichtet.
Der beachtete mich nicht und schliff seine Dolche.
Ich warf dem Mann einen nervösen Blick zu, beschloss dann aber, dass mir keine Gefahr drohte. Die Kriegsmagier hatten sich verpflichtet, uns Schlossbewohner mit ihrem Leben zu verteidigen. Da würde sich dieser hier nicht ausgerechnet auf mich stürzen. Hoffentlich.
Tapfer nahm ich meinen Löffel zur Hand, schob etwas Brei darauf und steckte ihn mir in den Mund. Sekunden später würgte ich und hustete, während sich alle meine Härchen auf der Haut aufstellten. Mir entfuhr ein so entsetzter Laut, dass der Krieger vor mir auf die Beine sprang, die Dolche zur Verteidigung erhoben.
»Was ist?«, fragte er alarmiert.