Fairy – Das Band der Magie 3

Fairy hat ein großes Problem: Nicht nur, dass ihr heimlicher Schwarm Brahn sie für eine männermordende Furie hält, sondern die Herrscherin ihres Volkes dreht auch noch durch! Sie stellt Fairy eine schreckliche Aufgabe, die alles zerstören kann, was sie liebt. Als Brahn ohne sie zu fragen das Band der Magie mit ihr webt, scheint alles verloren zu sein. Fairy ist gezwungen, sich zwischen ihrem und Brahns Volk zu entscheiden. Doch eine Sache weiß nicht einmal sie: Fairy trägt ein Geheimnis in sich, das alles verändern wird.

Leseprobe

Kapitel 1 – Peinliche Begegnung

Ich hatte mich vor vielen, vielen Jahren hoffnungslos in einen Mann verliebt, der nicht einmal wusste, dass ich existierte. Das allein war schon schlimm genug. Leider hatte ich dem Schwarm meines Lebens auch noch ein Messer in die Brust gerammt, was eindeutig das klägliche Ende einer potenziellen Liebesromanze bedeutete. Aus, vorbei, erledigt.

Immerhin wusste der Mann meiner Träume jetzt, dass ich existierte, denn er trug den Beweis meiner Existenz als fiese Narbe auf der Brust. Dummerweise hielt er mich seitdem für eine messerschwingende Meuchelmörderin – und das war wohl das Schlimmste an allem.

Eigentlich gab es nur zwei Sachen, die das ganze Drama ein kleines bisschen erträglich machten. Zum einen wusste ich endlich seinen Namen.

Brahn hieß er.

Brahn.

Zum anderen bekam ich regelmäßig Informationen über seinen Gesundheitszustand, denn seine Heilerin, die Elementarmagierin Liah, informierte mich bereitwillig.

Wie es schien, hatte der arme Kerl das Pech gepachtet. Nicht nur, dass ich ihn mit meinem Messer ziemlich fies erwischt hatte. Nein. Die Wunde hatte sich auch noch entzündet. Und als wäre das nicht schlimm genug, hatte er sich eine deftige Erkältung eingefangen. Daran war er fast gestorben.

Bei dem Gedanken schüttelte es mich am ganzen Körper, sodass ich um ein Haar den Halt in der Baumkrone verlor. In letzter Sekunde hielt ich mich an einem Ast fest.

Der Elementarbaum, auf dem ich saß, half mir zum Glück. Er bekam mich mit ein paar Lianen zu packen und stabilisierte mich. Bevor ich mich jedoch bedanken konnte, blieb mir fast das Herz stehen. Ich sah nämlich Liah auf mich zukommen.

Die Elementarmagierin war, wenn man es genau betrachtete, der Auslöser für meine Misere. Sie hatte mich gebeten, sie zu töten. Sie schien sich nämlich in die Ausgeburt des Höllenfürsten zu verwandeln. Da ich ihr versprochen hatte, sie im Notfall zur Strecke zu bringen, versuchte ich auch wirklich mein Möglichstes.

Leider hatte Brahn was dagegen, immerhin war die verrückte Elementarmagierin so was Ähnliches wie eine Schwester für ihn. Er verteidigte sie heldenhaft, ich stach ihn wenig heldenhaft nieder, um wiederum Liah niederzustechen (was mir nicht gelang).

Letztlich hatte Liah das ganze Drama beendet, indem sie mich erst mit voller Wucht gegen den Elementarbaum gepfeffert, dann den Mann ihres Lebens geküsst, zur braven Hausfrau mutiert war und uns alle verarztet hatte.

Ich war zäh wie Leder und hatte das Ganze eigentlich ganz gut weggesteckt, was man von Brahn nicht behaupten konnte. Der hatte tatsächlich fast zwei Mondläufe um sein Leben gerungen.

Und jetzt ging eben jener Totgeglaubte fipsfidel neben Liah her und hielt auf mich zu.

Ich rieb mir die Augen.

Nein. Der Mann meiner Träume war immer noch da. Er ging erstaunlich aufrecht und wirkte ein bisschen dünner und bleicher. Ansonsten sah er weiterhin unverschämt gut aus: Er trug seine schwarzen Haare etwa auf Schulterhöhe, war ziemlich groß, selbst für einen ausgewachsenen Krieger, und hatte sagenhaft blaue Augen, wobei ich die nur kurz aus der Nähe gesehen hatte. Dabei hatte ich ihm nämlich gezielt mein Messer in die Brust gerammt.

Verdammt.

Ich krallte meine Finger in die Rinde des Astes und fluchte. »Warum bringt Liah Brahn hierher?«, beschwerte ich mich beim Baum, aber der antwortete natürlich nicht. Er war für einen Elementarbaum ziemlich klug, Sprechen gehörte jedoch nicht zu seinem Repertoire.

Während Brahn und Liah in gemächlichem Tempo vom Dorf über die Wiese hinüber zum Elementarbaum schlenderten, machte ich mich ganz klein. Ungesehen entkommen konnte ich ohnehin nicht mehr, da blieb nur der Versuch, mich unauffällig zu verhalten.

Liah und ich trafen uns regelmäßig, um uns auszutauschen. Sie erzählte mir reichlich über Brahns Gesundheitszustand, ich ihr über die Launen meiner stets schlecht gelaunten Urmutter. Dafür, dass wir uns fast gegenseitig umgebracht hatten, verstanden wir uns prächtig.

Mittlerweile sah Liah wieder wie eine freundliche, junge Frau aus: Früher hatte sie pechschwarzes Haar und stets irgendwelchen düsteren Dampf von der Haut abgesondert. Heutzutage blinkten viele kleine bunte Punkte in ihren Haarsträhnen und die Haut hatte aufgehört zu dampfen.

Auf ihrer Hüfte balancierte sie die kleine Tochter einer weiteren Elementarmagierin.

Liah spielte liebend gern Babysitterin, was bei vielen im Dorf für nervöse Momente sorgte. Aeri, die Mutter der Kleinen, teilte diese Bedenken jedoch nicht. Sie gab Niemeh gern an Liah ab.

Erst recht, wenn Brahn dabei war.

Der große Shadun hatte nach seiner langen Bettruhe seine Muskeln noch nicht wiedererlangt, aber um ehrlich zu sein: So gefiel er mir fast noch besser. Er sah athletischer aus, nicht mehr so bullig. Gleichzeitig bewegte er sich für einen solch großen Mann ungewöhnlich elegant.

Ich stoppte mich gerade noch, bevor ich endgültig ins Schwärmen abdriften konnte. Aber es war nun mal so: Ich mochte Brahn, weil er gut aussah und weil er sich genau so bewegte, wie sein Charakter war: ruhig und kraftvoll, energisch und gleichzeitig irgendwie freundlich.

Schluss mit Schwärmen, denn das kleine Trio war gerade am Baum angekommen.

Dummerweise hatte Niemeh die Angewohnheit, mich spüren zu können. Sie legte augenblicklich das Köpfchen in den Nacken und deutete mit einem ziemlich dreckigen Fingerchen in die Baumkrone. »Dada«, erklärte sie mit Inbrunst. Mit Dada meinte sie grundsätzlich mich.

Liah strahlte wie der helle Morgen und sah in die angegebene Richtung. »Fairy, bist du da?«

Ich krümelte mich noch weiter zusammen und schob mich hinter allerhand Blätter.

»Fairy, ich weiß genau, dass du da oben bist. Magst du nicht runterkommen? Es gibt da jemanden, der dich gern kennenlernen möchte«, sprach Liah weiter, weil ich nicht antwortete.

»Also gern wäre übertrieben«, brummte Brahn. Auch er lugte nach oben, ich konnte ihn jedoch nur unklar erkennen.

Gut. Wenn ich ihn nicht sah, sah er mich hoffentlich ebenfalls nicht.

Aber … Moment mal! Warum denn so bissig?

»Brahn, stell dich nicht so an. Fairy ist nur ein bisschen schüchtern. Gib ihr eine Chance!«

»Also als schüchtern würde ich die Furie nicht gerade bezeichnen, die entschlossen versucht hat, uns allen den Garaus zu machen.«

»Sie wollte mich töten, nicht dich.«

»Wie beruhigend.«

Liah überging Brahns schlechte Laune einfach. »Fairy, bitte entschuldige. Ich dachte mir, es würde dich beruhigen, wenn du siehst, dass es Brahn tatsächlich wieder gut geht. Er ist bei bester Gesundheit. Brahn, stell dich mal auf ein Bein.«

»Warum sollte ich das tun?«

»Um zu zeigen, wie stark du wieder bist.«

»Bin ich ein dressierter Affe oder was?«

Liah seufzte dramatisch, während ich automatisch lächeln musste. Die beiden kabbelten sich eigentlich schon, seit ich die Mar im Dorf beobachtete.

»Onkel Brahn ist heute aber auch schlecht drauf, nicht wahr, meine Kleine?«, sagte sie zu Niemeh. »Wollen wir den Elementarbaum mal ein bisschen schütteln und gucken, was herunterfällt?«

Ich erstarrte zeitgleich mit dem Baum. Liah war solch eine Aktion tatsächlich zuzutrauen, weswegen ich mich schon mal fester in die Rinde krallte.

»Liah! Benimm dich, sonst fängst du wieder versehentlich einen Krieg an. Wer weiß, was die Furie im Baum dazu sagt, wenn sie wie reifes Obst runtergehauen wird? Gib mir Niemeh, und dann kannst du hochklettern und die Meuchelmörderin fragen, ob sie runterkommen will. Geschüttelt wird hier nicht.«

»Nenn sie nicht Meuchelmörderin. Sie hat auch Gefühle.«

»Ich auch, und deshalb setze ich mich jetzt hier schön unter den Baum, weil ich nämlich nicht mehr stehen kann – dank deiner Meuchelmörderin.«

»Du bist so ein Baby.«

»Hey, wohin willst du denn so plötzlich?«

»Ich geh wieder ins Dorf. Das richtige Baby hat nämlich gerade in die Hosen gemacht. Bleib du schön hier und sprich dich mit Fairy aus.«

»Ich bleib nicht hier. Wenn du gehst, komm ich mit.«

»Hör auf mit deiner Nörgelei. Du bleibst hier. Punkt. Hast du etwa Angst, allein mit Fairy zu bleiben?« Liah klang ungeduldig, was niemals gut war.

»Um ehrlich zu sein: Ja.«

»Sie ist einsfünfzig groß«, erwiderte Liah genervt.

»Das mag sein, aber vor allem ist sie verflucht schnell.«

»Sie tut dir nichts.«

»Sag das dem Loch in meiner Brust.«

Liah seufzte abermals überdramatisch. »Pass auf: Entweder du bleibst hier und sprichst dich mit Fairy aus oder ich erlaube Aeri noch mal, an dir zu üben.«

»Das wagst du nicht.«

»Oh, doch.«