Liah – Das Band der Magie

Liah hat die Nase gestrichen voll. Ein Ungeheuer besetzt seit Kurzem ihr Heim. Ihre beste Freundin Aeri will keine lebensnotwendige Hilfe annehmen und ihr geliebter Tristan ist immer noch mausetot. Kurzerhand beschließt sie, dass sich etwas ändern muss. Als Erstes will sie Tristan ins Leben zurückholen. Eine Elementarmagierin darf einmal im Leben bei der Seelengängerin um die Seele eines geliebten Menschen bitten. Dumm nur, dass Liah keine Magierin mehr ist. Seit Tristans Tod verwandelt sie sich immer weiter in eine Elementarhexe – die fiese Variante einer herzensguten Magierin. Doch Liah wäre nicht Liah, wenn sie nicht dagegen ankämpfen würde. Sie macht sich auf, um Tristan zu retten und ihre Seele zu heilen. Eine Sache weiß sie allerdings nicht: Ihre Entscheidung könnte die Welt zerstören.

Ein Band zwischen zwei Liebenden.
Ein Band, das töten wird!

Kapitel 1 – Prolog

Spontane Experimente brachten Ärger – zumindest, wenn ich sie durchführte. Sie verursachten nämlich im Allgemeinen nicht nur für mich riesengroße Probleme, sondern auch für meine Freunde und Bekannten, vielleicht sogar für die ganze Welt.

Das Problem war nur, dass mich Versuche magisch anzogen. Sobald ich jedoch morgens mit einer Idee für einen neuen Test aufwachte, sollten alle anderen um mich herum im Bett bleiben. Der Tag konnte nur in einer Katastrophe enden.

An diesem Morgen hatte ich genau diesen Gedanken, dieses Aufflackern hinten in meinem Gehirn, dicht gefolgt von einem zweiten Geistesblitz. »Genial!« Nein, das war es meistens nicht. Hinterher erkannte ich das auch, in den ersten, sich so gut anfühlenden Sekunden mentaler Genialität hielt ich mich allerdings für ausgesprochen ausgefuchst.

War ich nicht. Das sollte ich mir dringend merken.

Ehe ich darüber nachgedacht hatte, war ich aus dem Haus und hinüber zum Pflanzenfeld gehüpft. Ich trug nur mein zerschlissenes Nachthemd und die gute Laune wie einen Schild vor mir her. Ich hatte eine Idee, die Berge versetzen und Freundinnen retten konnte. Welch ein Morgen.

Die Sonne sandte ihre ersten Strahlen über den Himmel und ein bisschen Nebel waberte um mich herum. Ansonsten war es vollkommen still, denn unser Dorf schlief noch. So, wie es sich für diese Uhrzeit eigentlich gehörte.

Tulu, mein letzter, treuer Feuergeist, schwebte verwirrt neben meinem Kopf her, fragend eine wirre Abfolge von Blinksignalen morsend. Ich verstand nicht, was er von mir wollte, und ignorierte ihn.

Die Idee war wichtiger.

Unser Dorf war nach wie vor ziemlich klein. Vor vielen, vielen Jahren waren wir als gestrandete Gruppe verfolgter Magiewesen hier angekommen. Seitdem wir uns niedergelassen hatten, hatte es exakt fünf Geburten und sieben Todesfälle gegeben. Da brauchte man kein Rechengenie zu sein, um die Abwärtsspirale zu erkennen.

Aber bei allen Höllengeistern: Meine Freundin Aeri würde gewiss nicht Teil dieser Spirale werden.

Meine Füße machten kaum Geräusche auf dem noch feuchten Gras. Ich sprang lautlos über den etwa hüfthohen Zaun, der unser Gemüsefeld vom Dorf abtrennte, und schlich von Trudifrucht zu Trudifrucht, drehte, wendete, analysierte jede Einzelne, bis ich die Ideale gefunden hatte.

Sie war dick, rund, haarig und schimmerte in einem ekelhaften Grünbraunorange, wobei sie an den verschiedensten Stellen durchscheinend war. So konnte man bequem in ihr Innerstes blicken. Darin schwappte eine geleeartige Flüssigkeit. Die schmeckte so bitter, dass ich nicht verstand, wie sie jemand zum Frühstück trinken konnte. Aber gut. Ich wollte die Frucht ja nicht leer trinken, sondern sie zweckentfremden.

Schnaufend machte ich mich daran, ihre Lianen von den anderen Trudifrüchten zu lösen. Sie klammerte sich vehement an ihren Kumpeln fest, doch nach ein, zwei entschlossenen Schnitten mit dem halbstumpfen Messer hatte ich sie ihren Freunden entrissen. Ich rollte sie unter dem Zaun her, zufrieden die Beute betrachtend. Ja. Sie war in etwa so rund wie der momentane Bauchumfang meiner besten Freundin Aeri. Perfekt.

Aeri war schwanger, seit etwa … drei Jahren? Vier? War im Endeffekt egal, denn eins war klar: Sie war schon viel zu lange schwanger, als dass es gesund sein konnte, selbst für ein Magiewesen. Ich kannte eine Shadunfrau, die zwei Jahre ihr Kind ausgetragen hatte, was schon rekordverdächtig war. Aeri setzte da noch einen drauf.

Hier begann das Experiment.

Gerade tuckerte die Sonne über den Horizont. Sie zeigte mir damit die ideale Stelle, um die Trudifrucht zu platzieren: Das Feld vor unserem gigantischen Elementarbaum war das sonnigste und gleichzeitig das abgeschiedenste.

Da die meisten Leute aus dem Dorf viel zu ehrfürchtig vor der majestätischen Kraft des Baumes waren, als dass sie ohne Grund in seine Nähe gekommen wären, war hier eigentlich nie jemand. Nur ich kam regelmäßig vorbei, was natürlich genau richtig für mein Vorhaben war.

Schon bald lag die Trudifrucht an der hellsten Stelle. Ich hockte mich zufrieden einige wenige Meter von ihr entfernt ins Gras, um dabei zuzusehen, wie die geleeartige Flüssigkeit im Inneren zur Ruhe kam. In dem Moment war ich mir sicher, dass meine Idee absolut einzigartig und genial war.

 

Es vergingen vier äußerst unspektakuläre Tage, in denen ich die Trudifrucht bewachte und ihr beim Blubbern zusah. Diese Früchte waren eigentlich Schattengewächse, die sich nur in kühleren Gegenden wohlfühlten. An dieser Stelle lag sie den kompletten Tag in voller Sonnenbestrahlung.

Schon bald vernahm ich den lieblichen Klang unheilvollen Brodelns in ihrem Inneren. Die Flüssigkeit begann, vor sich hinzuköcheln. Genau, wie ich es geplant hatte.

Tulu musterte mich in all der Zeit zweifelnd, ließ mich aber machen. Wurde ich ins Dorf gerufen, um nach irgendwelchen Banalitäten zu gucken – hallo? Ich hatte ein wichtiges Experiment zu beenden! –, sah er nach dem Rechten oder besser gesagt: sah er stumpf der Frucht beim Brodeln zu. Für ihn war mein Tun wie so oft ein völliges Rätsel.

Ich blieb Tag und Nacht, während der Elementarbaum hinter mir unruhig die Blätter schüttelte. Er mochte meine Anwesenheit nicht, doch ich ignorierte sein Geraschel und bedrohliches Aufplustern.

In all der Zeit besuchten mich eigentlich nur Aeri und Brahn, meine beiden letzten Freunde.

Aeri wurde es schon bald zu warm und sie verzog sich watschelnd in ihre wunderschöne Hütte, während mich Brahn mit unwillkommenen Fragen löcherte. Ihm war natürlich klar, dass ich gerade ein Experiment durchführte, und das gefiel ihm gar nicht. Weil ich jedoch schwieg, trollte er sich bald wieder und ließ mich allein mit meinen Gedanken und der Trudifrucht, bis es endlich so weit war.

Die geleeartige Flüssigkeit im Inneren der Frucht hatte zu kochen begonnen und brodelte so heftig, dass die Schale leicht auf und ab hüpfte. Perfekt.

Geschwind wie ein Vogel im Sturzflug rannte ich ins Dorf, hämmerte wie eine Irre an Aeris Haustür und schnappte mir ihr Handgelenk, kaum dass sie geöffnet hatte. Sie schaffte es gerade noch, nach ihrem Mann Keelin zu rufen, da hatte ich sie auch schon die Stufen hinunter und rüber zur Wiese bugsiert.

Keelin kam keuchend hinterher, die Augen besorgt aufgerissen. Er ahnte Schlimmes, sobald ich im Spiel war. Seine hochschwangere Frau mit mir allein zu lassen, kam für ihn nicht infrage.

Weil die Frucht noch einige wenige Minuten Zeit brauchte, nötigte ich meine Freunde, sich unter den Elementarbaum zu setzen. Der hatte nichts gegen Aeri und akzeptierte unsere Anwesenheit. Wäre er mit mir allein gewesen, hätte er mir wahrscheinlich den größten Ast auf den Kopf gedonnert, den er finden konnte.

Aber gut. Das war eine andere Geschichte.

Da saßen wir also und warteten. Weil ich Fragen einfach ignorierte, lenkten sich meine Freunde bald mit anderen Dingen ab. Aeri spielte mit ihren Geistern »fang die Blätter«, Keelin zeichnete irgendwelche Kritzel auf eine Karte voller anderer Kritzel. Er zeigte damit, dass in ihm der vollkommene, verantwortungsbewusste Anführer steckte, der nicht eher ruhte, bis alles bis ins Kleinste organisiert war.

Wie ätzend.

»Und was genau machen wir hier?«, murrte Keelin, ohne aufzusehen, während er irgendwas auf einem anderen Zettel vermerkte.

Für einen verantwortungsbewussten Anführer fand ich ihn ganz schön ungeduldig. Ich warf ihm einen genervten Blick zu. Wozu sich mit ihm anlegen? Mein Projekt ging ohnehin zu Ende. »Das wirst du gleich sehen«, erwiderte ich, gebannt die Trudifrucht anstarrend.

Das wiederum alarmierte Aeri. Sie setzte sich abrupt auf und runzelte die Stirn. »Als du uns das letzte Mal nicht sagen wolltest, was du planst, hast du erst den Elementarbaum um ein Haar ermordet und danach einen Teil des Dorfes zerlegt!« Ihre Augenbrauen verschwanden hinter ihrer bunten Ponypracht.

Kurz brodelte Neid in mir auf wie das Gelee in der Trudifrucht. Ich wollte auch wieder so eine farbenfrohe Mähne haben. »Ach, das …«, erwiderte ich ausweichend. Ich hatte keine Lust, über mein letztes, fehlgeschlagenes Experiment zu lamentieren. Gut. Ich hatte tatsächlich den Elementarbaum, das Herz unserer Festung, um ein winziges Bisschen für immer ins Geisterreich befördert.

Zu meiner Verteidigung: Ich hatte einen Grund gehabt. Zugegeben, einen Dämlichen, aber immerhin. Ich hatte nämlich gucken wollen, was sich unter dem Elementarbaum befand – um ein Gerücht zu überprüfen. Tief in der Erde sollte das Tor zum Totenreich liegen. Das Ganze …

Aaaah! Die Frucht hüpfte aufgeregter. Das mit dem Elementarbaum musste ich ein anderes Mal weiterdenken. Zunächst galt es, das Experiment zu beenden – mit einem gehörigen Schuss Drama, verstand sich.

Während mir Tulu signalisierte, dass es jede Sekunde so weit sein würde, richtete ich mich zur vollen Größe auf und ließ Keelins Blätter mit einem Handwink in Flammen aufgehen.

Das war schön überdramatisch und sicherte mir Keelins vollkommene Aufmerksamkeit.

Mein Anführer schrie wütend auf, ich jedoch deutete erhaben auf die Frucht.

»Meine Lieben«, hob ich feierlich an. »Wir sind heute hier zusammengekommen, um über Aeris Schwangerschaft zu sprechen.«