Klappentext

»Wir werden zusammen sein, Sirany. Für immer. Das verspreche ich dir. Aber ich muss erst ein freier Mann sein, um dein Geliebter werden zu können!«
Sirany nickte langsam.
»Ich werde auf dich warten«, sagte sie leise.

Siranys und Elendars Liebe scheint zum Scheitern verurteilt zu sein: Er ist ein verlorener Krieger der Assaren, versklavt und verzweifelt, denn sein Volk wurde vor Jahren vom tyrannischen König Alexej bezwungen. Seitdem müssen die Frauen als Geiseln in den Kerkern des Königs leben, die Männer werden zu selbstmörderischen Aufträgen gezwungen.
Sirany hingegen ist eine junge Bauersfrau. Als sich die beiden verlieben, schöpft Elendar neue Kraft, sein Volk zu befreien. Doch seine Liebe zu Sirany wird verraten. Jetzt muss er sich zwischen ihr und der Freiheit seines Volkes entscheiden.

Eine Liebe, die einen Sturm entfacht.

Der Auftakt der Sturm-Dilogie.

Leseprobe

»Es zieht ein Sturm auf!«
Siranys Mutter Aileen warf einen besorgten Blick gen Himmel, während sie ihre einzige Tochter nach draußen begleitete.
»Glaubst du, du schaffst es bis zum Pfarrer?«
Auch Sirany prüfte das Wetter mit einem Blick, sah die dunklen, schneeverhangenen Wolken drohend über ihrem Kopf aufragen. Obwohl der Frühling bereits Einzug in das Land erhalten hatte, rang ihm der Winter doch noch diese eine Woche ab.
Kälte würgte wieder Mensch und Tier, drang in jeden Knochen und ließ die bereits vorsichtig empor gesprossenen Blumen erfrieren. Eine dicke Schneeschicht lag auf dem kalten Erdboden, als hätte es den Frühling nie gegeben.
»Der Sturm ist nicht das Problem. Der Schnee ist übel«, erwiderte Sirany.
Rasch gab sie ihrer Mutter einen letzten Kuss auf die Wange und sprang von der Veranda hinab in den Schnee. Sie versank bis weit über die Knöchel, hörte das ihr so vertraute knirschende Geräusch zusammengedrückten Schnees.
Fröstelnd zog sie den Umhang um ihre mageren Schultern und ging vorwärts. Zwar war es nicht weit bis zum Haus des Pfarrers, aber der Weg dorthin war gefährlich. Unweigerlich musste man gleich zwei Wachtposten passieren. Und die überprüften jeden sehr genau, immer auf der Suche nach jungen, hübschen Frauen.
Sirany war dieses Spiel bereits so gewöhnt, dass sie nicht weiter darüber nachdachte. Mit geübtem Griff zog sie sich die Kapuze weit über die Augen, ließ die Schultern sacken und wirkte daraufhin wie eine alte, zermürbte Frau.
Um jedoch kein unnötiges Risiko einzugehen, schlug sie den Weg entlang des Flusses ein. Der führte am äußeren Rand des kleinen Dorfes vorüber. Normalerweise waren hier keine Soldaten anzutreffen, aber so genau wusste man das nie.
Da sie nur auf ihre Füße starrte und nicht den Blick hob, um vorauszuschauen, übersah sie den jungen Mann in Uniform. Er hatte unerlaubt seine Truppe verlassen, um sich hinter einem Busch heimlich eine der verbotenen Zigaretten anzuzünden.
Als er das junge Mädchen näher kommen sah, warf er hastig seinen Verrat in den Schnee, straffte sich und blickte der Gestalt entgegen. Er war noch jung, unerfahren und wollte sich dringend bald beweisen. Zudem genoss er das Gefühl der Macht, das mit seiner Uniform einherging. Die Chance, seine Überlegenheit einmal völlig allein auszukosten, ließ er sich daher nicht entgehen.
»Anhalten!«, brüllte er so autoritär wie er es vermochte; erheblich lauter als eigentlich nötig.
Augenblicklich erstarrte Sirany in ihrem Schritt. Vorsichtig hob sie den Kopf, um einen Blick auf ihr Gegenüber zu erhaschen. Als sie die Soldatenuniform erkannte, übersprang ihr Herz glatt einen Schlag. Dann wummerte es in ihrer Brust wie eine durchgehende Pferdeherde.
»Was machst du hier?«, bellte der Mann in einem Ton, der sie bis in die Knochen erzittern ließ. »Warum gehst du hier entlang? Das ist verboten!«
Natürlich war das verboten. Aber bisher hatte sie ja auch noch niemand erwischt.
Sirany machte einen unschlüssigen Schritt zurück und überlegte, ob sie noch die Zeit hatte, sich umzudrehen und die Flucht in das Dorf zu wagen. Vielleicht konnte sie sich dort ja verstecken.
Aber der Soldat stand nun zu nahe, hatte sie sogar bereits am Umhang gepackt. Sekunden später riss er ihr die Kapuze vom Kopf und starrte sie verdutzt an.
Über die Jahre hinweg hatten sie und ihre Eltern es immer zu vermeiden gewusst, Sirany in der Öffentlichkeit zu zeigen. Stets war sie den unauffälligsten Weg gegangen, stets den Soldaten ausgewichen. Nun war das eingetreten, vor dem sie sich am meisten gefürchtet hatte.
Auch dem Soldaten dämmerte es, was er da vor sich hatte. Eine Trophäe, eine Seltenheit in diesem Bezirk. Sein Lehnsherr würde sich als sehr dankbar erweisen, wenn er ihm dieses Juwel zuführte.
Sirany las in seinen Augen, was er dachte; er aber versäumte es, in den ihren zu lesen. Mit der Kraft der Verzweiflung schlug sie ihm die Faust ins Gesicht, riss sich los und sprang an ihm vorbei.
Ein trainierter Soldat war bestimmt auf offenem Feld schneller als sie, daher rannte sie nicht zurück ins Dorf, sondern auf den Fluss zu. Dahinter erstreckte sich unbeweglich der schneeverhangene Wald, sprach von Sicherheit und Geborgenheit – wenn sie ihn denn erreichen konnte.
Der Schlag ins Gesicht hatte den Soldaten nur überrascht, aber nicht sonderlich verletzt. Nun wirbelte er mit einem wütenden Schrei herum und sprang ihr hinterher, bekam einen Zipfel ihres Umhangs zu packen und wollte sie zurückreißen.
Sirany befreite sich im letzten Moment von dem störenden Kleidungsstück, stolperte vorwärts und hielt nun direkt auf eine winzige Holbrücke zu. Im Wald kannte sie sich aus, dort konnte sie auch ihre Wendigkeit zu ihrem Vorteil nutzen. Aber erst einmal musste sie die Baumgrenze erreichen.
Ihr wurde klar, dass sie es nicht schaffen würde, als sie den ersten Fuß auf die alte Holzbrücke setzte. Der junge Mann, mit längeren Beinen und größerer Schnelligkeit ausgestattet als sie, hatte sie erreicht, noch bevor sie über die Hälfte der Planken gehuscht war.
Mit einem Triumphgeheul warf er sich auf sie, packte ihre Taille und zerrte sie zurück auf das gegenüberliegende Ufer. Sirany schlug wild nach ihm, versuchte ihn zu treten und zu beißen, aber er fing ihre Fäuste auf. Gleich darauf versetzte er ihr einen Hieb ins Gesicht, der sie nach hinten riss und zu Boden schleuderte.
Er setzte ihr nach, drückte sie mit seinem ganzen Gewicht hinunter und hockte sich rittlings auf sie drauf. Mit einer Hand hielt er ihre beiden Hände fest, presste sie weit über ihrem Kopf in den Schnee, während er mit der anderen ihren Hals umklammerte und anfing sie zu würgen.
Augenblicklich erlahmte Siranys Gegenwehr. Sie hatte dieses tödliche Glitzern schon oft in den Augen junger Soldaten gesehen, die in ihren kurzen Leben zu viele schlimme Dinge hatten sehen müssen.
Erst als das Mädchen sich kaum noch rührte, gab der Mann zumindest ihren Hals frei, um sich nun über sie zu beugen und sie breit anzugrinsen.
»Na, mein Täubchen? Was mach ich nun mit dir?«
In seinem Blick sah Sirany, dass es eine rein rhetorische Frage war. Er wusste sehr genau, was er mit ihr machen wollte. Er verlagerte leicht sein Gewicht, drückte nun mit dem Gesäß ihren Bauch in den Schnee, presste sie an den Boden.
Sie hatte ihm nichts entgegenzusetzen. Kalte Angst ergriff sie, während der eisige Schnee jede Ritze ihrer Kleidung eroberte und sich durch ihre Knochen fraß. Gleichzeitig hämmerte ihr Herz, als wolle es zerspringen, steigerte sich sogar noch, als der Mann mit der noch freien Hand über ihren Busen glitt.
Sie schrie auf, wand sich unter ihm, doch er hielt sie eisern am Boden und erfreute sich an ihrer Panik.
Sie hörte den Fluss plätschern. Keine zwanzig Zentimeter neben ihrem Kopf befand sich die kleine Böschung, die hinunter zum kalten Wasser führte. Konnte sie ihn vielleicht dort hineinstoßen? Über den Rand hinweg?
Sie verwarf diesen Gedanken wieder, als seine eiskalte Hand über ihre Kleidung huschte, sich einen Weg zu ihren Beinen suchte. In den glitzernden Augen des Soldaten sah sie plötzlich aufkommende Erregung, vermischt mit dem berauschenden Gefühl, jemand anderen in der Gewalt zu haben.
Mit dem Mut der Verzweiflung unternahm Sirany eine letzte Kraftanstrengung, zog die Beine an und trat mit den angewinkelten Knien nach ihm.
Sie traf irgendetwas, wahrscheinlich seinen Rücken. Durch den unverhofften Stoß fiel er nach vorne und lockerte seinen Griff um ihr Handgelenk gerade genug, dass sie sich befreien konnte. Wild schlug sie ihm beide Hände ins Gesicht, drückte ihn von sich fort und versuchte von ihm weg zu krabbeln, doch er packte sie an den Haaren und riss sie zu ihm zurück.
Auf den Knien hintereinander hockend, kämpften sie weiter verbissen miteinander. Er hatte die Hände in ihren Haaren verkrallt, während sie seine Handgelenke umklammert hielt.
Siranys Kräfte erlahmten und allmählich ahnte sie, dass es für sie keine Fluchtmöglichkeit mehr gab. Sie war ihm hilflos ausgeliefert. Das Einzige, was ihr noch übrig blieb, war, auf seine Gnade zu hoffen. Auf eine Gnade, die der Mann in seiner Erregung nicht kennen würde.
Doch dann bemerkte sie am Waldrand eine Bewegung. Es war nur ein kurzes Rascheln der Zweige, eine winzige Veränderung unter einem Baum. Sie sah zwar niemanden, spürte jedoch, dass dort etwas war.
Etwas, das sie beobachtete.
Gerade wollte sie der Soldat wieder in den Würgegriff nehmen, als der Schatten am Waldrand plötzlich Gestalt annahm. Ein Mann trat zwischen den Bäumen hervor, einen Bogen im Anschlag, den Pfeil bereits auf der Sehne. Er zögerte nicht eine Sekunde, zielte kurz und schoss.