Der Gesang des Sturms

»Ich liebe diese Frau«, sagte Elendar in die entstandene Stille. »Um sie zu töten, musst du erst an mir vorbei.«

Wer sind die unheimlichen Fremden, die sich in den Wäldern rund um Siranys Dorf niedergelassen haben? Grausame Gerüchte eilen ihnen voraus. Sind sie wirklich die Krieger des schlimmsten Königs der Welt? Morden sie in seinem Namen? Ausgerechnet ihr Anführer Elendar rettet Sirany das Leben und freundet sich mit ihr an. Doch Elendars Zukunft ist so finster wie die Gerüchte, die sich um ihn ranken. Welche Verbindung gibt es zwischen ihm und dem schrecklichen König? Und warum will dieser Sirany töten? Um einander zu retten, müssen Elendar und Sirany einen Sturm entfachen. Einen Sturm, der Grenzen verschiebt, Könige stürzt und Völker vereint.

 

Leseprobe
Es zieht ein Sturm auf.« Siranys Mutter Aileen warf einen besorgten
Blick gen Himmel, während sie ihre einzige Tochter nach draußen
begleitete. »Glaubst du, du schaffst es bis zum Müller?«
Auch Sirany prüfte das Wetter mit einem Blick, sah die dunklen,
schneeverhangenen Wolken drohend über ihrem Kopf aufragen.
Obwohl der Frühling bereits Einzug in das Land gehalten hatte, rang
ihm der Winter noch diese eine Woche ab.
Kälte würgte Mensch und Tier, drang in jeden Knochen und ließ die
bereits vorsichtig emporgesprossenen Blumen erfrieren. Eine dicke
Schneeschicht lag auf dem kalten Erdboden, als hätte es den Frühling
nie gegeben.
»Der Sturm ist nicht das Problem. Der Schnee ist übel«, erwiderte
Sirany.
Rasch gab sie ihrer Mutter einen letzten Kuss auf die Wange und
sprang von der Veranda hinab in den Schnee. Sie versank bis weit
über die Knöchel, hörte das ihr so vertraute knirschende Geräusch
zusammengedrückten Schnees.
Fröstelnd zog sie den Umhang um ihre mageren Schultern und
ging vorwärts. Es war nicht weit bis zur Mühle des Müllers, doch der
Weg war gefährlich. Unweigerlich musste man gleich zwei Wachtposten passieren und die überprüften jeden sehr genau, stets auf der
Suche nach jungen, hübschen Frauen.
Sirany war dieses Spiel bereits so gewohnt, dass sie nicht weiter
darüber nachdachte. Mit geübtem Griff zog sie sich die Kapuze weit
über die Augen, krümmte sich und wirkte daraufhin wie eine alte,
zermürbte Frau.
Um kein unnötiges Risiko einzugehen, schlug sie den Weg entlang
des Flusses ein. Der führte am äußeren Rand des kleinen Dorfes
vorüber. Normalerweise waren hier keine Soldaten anzutreffen, aber
so genau wusste man das nie.
Da sie nur auf ihre Füße starrte und nicht den Blick hob, um
vorauszuschauen, übersah sie den jungen Mann in Uniform. Er hatte
unerlaubt seine Truppe verlassen, um sich hinter einem Busch heimlich eine der verbotenen Zigaretten anzuzünden.
Als er das junge Mädchen näher kommen sah, warf er hastig seinen
Verrat in den Schnee, straffte sich und blickte der Gestalt entgegen.
Er war jung, unerfahren und wollte sich dringend beweisen. Zudem
genoss er das Gefühl der Macht, das mit seiner Uniform einherging.
Die Chance, seine Überlegenheit einmal völlig allein auszukosten,
ließ er sich daher nicht entgehen.
»Anhalten«, brüllte er so autoritär wie er es vermochte und damit
erheblich lauter als nötig.
Augenblicklich erstarrte Sirany in ihrem Schritt. Vorsichtig hob
sie den Kopf, um einen Blick auf ihr Gegenüber zu erhaschen. Als
sie die Soldatenuniform erkannte, übersprang ihr Herz glatt einen
Schlag. Dann wummerte es in ihrer Brust wie eine durchgehende
Pferdeherde.
»Was machst du hier?«, bellte der Mann in einem Ton, der sie bis
in die Knochen erzittern ließ. »Warum gehst du hier entlang? Das ist
verboten.«
Natürlich war das verboten. Aber bisher hatte sie niemand erwischt.
Sirany machte einen unschlüssigen Schritt zurück und überlegte,
ob sie die Zeit hatte, sich umzudrehen und die Flucht in das Dorf zu
wagen. Möglicherweise konnte sie sich dort verstecken.
Der Soldat stand jedoch zu nahe, hatte sie sogar bereits am
Umhang gepackt. Sekunden später riss er ihr die Kapuze vom Kopf
und starrte sie verdutzt an.
Über die Jahre hinweg hatten sie und ihre Eltern es zu vermeiden
gewusst, Sirany in der Öffentlichkeit zu zeigen. Stets war sie den
unauffälligsten Weg gegangen, stets den Soldaten ausgewichen. Nun
war das eingetreten, vor dem sie sich am meisten gefürchtet hatte.
Auch dem Soldaten dämmerte, was er da vor sich hatte. Eine Trophäe, eine Seltenheit in diesem Bezirk. Sein Lehnsherr würde sich als
sehr dankbar erweisen, wenn er ihm dieses Juwel zuführte.
Sirany las in seinen Augen, was er dachte; er versäumte es, in den
ihren zu lesen. Mit der Kraft der Verzweiflung schlug sie ihm die Faust ins Gesicht, riss sich los und sprang an ihm vorbei.
Ein trainierter Soldat war bestimmt auf offenem Feld schneller
als sie, daher rannte sie nicht zurück ins Dorf, sondern auf den Fluss
zu. Dahinter erstreckte sich unbeweglich der schneeverhangene Wald, sprach von Sicherheit und Geborgenheit – wenn sie ihn denn erreichen konnte.
Der Schlag ins Gesicht hatte den Soldaten nur überrascht und
nicht verletzt. Nun wirbelte er mit einem wütenden Schrei herum
und sprang ihr hinterher, bekam einen Zipfel ihres Umhangs zu
packen und wollte sie zurückreißen.
Sirany befreite sich im letzten Moment von dem störenden Kleidungsstück, stolperte vorwärts und hielt nun direkt auf eine winzige Holzbrücke zu. Im Wald kannte sie sich aus, dort konnte sie auch ihre Wendigkeit zu ihrem Vorteil nutzen. Aber erst einmal musste sie die Baumgrenze erreichen.
Ihr wurde klar, dass sie es nicht schaffen würde, als sie den ersten
Fuß auf die alte Holzbrücke setzte. Der junge Mann, mit längeren
Beinen und größerer Schnelligkeit ausgestattet als sie, hatte sie
erreicht, noch bevor sie über die Hälfte der Planken gehuscht war.
Mit einem Triumphgeheul warf er sich auf sie, packte sie an der
Taille und zerrte sie zurück auf das gegenüberliegende Ufer. Sirany
schlug wild nach ihm, versuchte ihn zu treten und zu beißen. Er fing
spielend leicht ihre Fäuste ab. Gleich darauf versetzte er ihr einen
Hieb ins Gesicht, der sie rücklings zu Boden schleuderte.
Er setzte ihr nach, drückte sie mit seinem ganzen Gewicht hinunter
und hockte sich rittlings auf sie. Mit einer Hand hielt er ihre
beiden Hände fest, presste sie weit über ihrem Kopf in den Schnee,
während er mit der anderen ihren Hals umklammerte und anfing, sie
zu würgen.
Augenblicklich erlahmte Siranys Gegenwehr. Sie hatte dieses tödliche Glitzern schon oft in den Augen junger Soldaten bemerkt, die in ihren kurzen Leben zu viele schlimme Dinge hatten sehen müssen.
Erst als sie sich kaum noch rührte, gab der Mann ihren Hals frei,
um sich nun über sie zu beugen und sie breit anzugrinsen.
»Na, mein Täubchen? Was mache ich nun mit dir?«
In seinem Blick sah Sirany, dass es eine rein rhetorische Frage war.
Er wusste sehr genau, was er mit ihr machen wollte. Er verlagerte
leicht sein Gewicht, drückte nun mit dem Gesäß ihren Bauch in den
Schnee, presste sie an den Boden.
Sie hatte ihm nichts entgegenzusetzen. Kalte Angst ergriff sie,
während der eisige Schnee jede Ritze ihrer Kleidung eroberte und
sich durch ihre Knochen fraß. Gleichzeitig hämmerte ihr Herz, als
wollte es zerspringen, steigerte sich sogar, als der Mann mit der freien Hand über ihren Busen glitt.
Sie schrie auf, wand sich unter ihm. Er hielt sie eisern am Boden
und erfreute sich an ihrer Panik.
Sie hörte den Fluss plätschern. Keine zwei Fuß neben ihrem Kopf
befand sich die kleine Böschung, die hinunter zum kalten Wasser
führte. Konnte sie ihn dort hineinstoßen? Über den Rand hinweg?
Sie verwarf diesen Gedanken wieder, als er mit seiner eiskalten
Hand über ihre Kleidung huschte, sich einen Weg zu ihren Beinen
suchte. In den glitzernden Augen des Soldaten sah sie plötzlich aufkommende Erregung, vermischt mit dem berauschenden Gefühl,
jemand anderen in der Gewalt zu haben.
Mit dem Mut der Verzweiflung unternahm Sirany eine letzte
Kraftanstrengung, zog die Beine an und trat mit den angewinkelten
Knien nach ihm.