Der Apfel fällt recht weit vom Stamm

Für Nora steht fest: Nie wieder wird sie in ihr Heimatdorf Jork im Alten Land zurückkehren, wo ihre Familie seit Generationen einen Apfelhof betreibt. Nach einem bösen Familienstreit hat sie das Weite gesucht. Doch ihre störrische Oma Enne nimmt das nicht hin. Die alte Dame verbarrikadiert sich in einem Baumhaus im Apfelbaum und erklärt, erst wieder hinunterzusteigen, wenn ihre Enkelin sich mit der Familie versöhnt. Also bleibt Nora keine Wahl, als nach Hause zu kommen. Sobald sie zum ersten Mal wieder den vertrauten Duft der heimischen Apfelblüten einatmet, wird ihr klar, auf was sie all die Jahre verzichtet hat. Und als dann auch noch Ben, ihre große Jugendliebe, plötzlich wieder vor ihr steht, nimmt das Gefühlschaos erst richtig seinen Lauf.

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»Deine Oma sitzt im Apfelbaum. Du musst nach Hause kommen.«

Nora blinzelte irritierte und versuchte die Aussage des Anrufers zu verstehen. Instinktiv presste sie den Telefonhörer fester gegen das Ohr. Als würde ihr das helfen, den Satz zu erfassen. Ihre Oma? Aber die wohnte im Alten Land, mehrere hundert Kilometer von ihrer Arbeitsstelle in Köln entfernt.

Vor Schreck hatte sie sich verstempelt, sodass der Gebucht-Stempel nicht wie sonst an der exakt gleichen Stelle aufgebracht war. Er war verrutscht. Wie ärgerlich. Dabei nahm sie ihren Job als Buchhalterin sehr ernst.

Der Gedanke verging jedoch, als sie begriff, wer sie angerufen hatte. Diese Stimme! Dunkel und freundlich, klar und männlich, zugewandt und … nein! Das konnte nicht sein. »Ben? Bist du es?«, fragte sie ungläubig.

»Legst du auf, wenn ich ja sage?«

»Ich leg so oder so auf. Privatgespräche sind im Büro streng verboten. Was das angeht, kennt mein Chef kein Pardon.« Aus einem Instinkt heraus hätte Nora beinahe den Hörer auf die Gabel geworfen und damit den unheimlichen Anruf aus ihrer Vergangenheit gekappt. Beinahe. Doch dann erinnerte sie sich an Bens ersten Satz. »Oma sitzt im Apfelbaum? Aber was macht sie da? Wie ist sie da hochgekommen? Und vor allem: Warum tut sie das?«

»Das musst du sie schon selbst fragen. Sie sagt lediglich, dass sie mit dir reden will. Bis du nicht da bist, streikt sie im Apfelbaum. Okay. Im Baumhaus, aber kurios ist das trotzdem.«

»Wie lange sitzt sie denn da schon?«

»Es sind jetzt exakt sechs Tage. Sie ist direkt nach der Trauerfeier für deinen Papa dort raufgeklettert. Seitdem sitzt sie dort.«

Nora verschlug es die Sprache. Selbst für ihre manchmal leicht exzentrische Oma war das eine harte Nummer. Wie kam sie auf so eine Idee?

»Ich kann nicht nach Hause kommen«, sagte Nora mechanisch. Erst jetzt bemerkte sie, dass sie die Luft angehalten hatte. Vor Schreck. Vor Überraschung. Vor Fassungslosigkeit.

Ihre Oma. Im Apfelbaum. Und Ben, der sie aus diesem Grund anrief.

Ihre Finger begannen vor Aufregung zu zittern, wie immer, sobald sie mit ihrer Vergangenheit konfrontiert wurde. Es war ihre Geißel. Ihr Fluch. Deshalb hatte sie in den letzten Jahren jeden Kontakt vermieden, auch wenn es ihr an manchen Tagen das Herz zerriss. An Geburtstagen. An Weihnachten. Zu Familientreffen. All das hatte ohne sie stattgefunden.

Ohne sie stattfinden müssen.

»Ich weiß, wie schwer dir die Rückkehr fällt, aber ich fürchte, es gibt keine andere Möglichkeit. Du musst zu uns kommen.«

»Ruft die Feuerwehr!«

»Haben wir schon. Oma hat sie mit Steinen beschossen. Erinnerst du dich an die alte Flitsche, die wir damals im Baumhaus gebunkert haben? Die hat sie in Betrieb genommen. Sie hat darüber hinaus deutlich klargemacht, dass sie nicht wie eine räudige Katze gerettet werden muss. Die Feuerwehr ist wieder abgerückt. Das war denen zu heiß. Sie wollten Oma nicht für verrückt erklären und sie gegen ihren Willen runterholen.«

Die freiwillige Feuerwehr ist auch nicht mehr das, was sie mal war, dachte Nora missmutig. »Irgendwann wird sie schon runterkommen«, murmelte sie und glaubte selbst nicht dran.

»Du kennst doch deine Oma. Die verhungert und verdurstet eher, als dass sie die Segel streicht. Du musst kommen. Ernsthaft, Nora. Ich bin mit meinem Latein am Ende.«

Nora atmete tief durch, versuchte sich zu beruhigen. Du könntest einfach auflegen, dachte sie. Blockier die Nummer und tu so, als hätte Ben niemals angerufen.

Doch das konnte sie nicht. Nicht mehr. Der Damm, den sie zum Schutz gegen ihre Vergangenheit aufgebaut hatte, war löchrig geworden. In dem Moment, in dem sie Bens Stimme gehört und die Neuigkeiten von ihrer Oma vernommen hatte.

Ben. Einerseits hatte sie sich danach gesehnt, seine Stimme eines Tages wieder zu hören. Andererseits hatte sie sich davor gefürchtet und es auf jeden Fall vermeiden wollen. Er hatte ihr wehgetan. Sehr weh. Sie hatten sich gegenseitig unglücklich gemacht. Und das, wo sie einst das absolute Traumpaar gewesen waren. Auch jetzt ließ sein Anruf ihr Herz schneller und schneller schlagen.

»Nora? Bist du noch da?«

»Nein. Äh, ja. Aber nicht mehr lange. Wie kommst du an diese Nummer, Ben?« Sie ließ ihre Stimme absichtlich drohend klingen, damit sie nicht länger in den höheren Tonlagen kiekste. Das tat sie immer, wenn sie aufgeregt war. Bens Stimme zu hören brachte sie völlig aus dem Konzept. Das war schon immer so gewesen. Sie kannten einander, seit Nora bei der Schwimmprüfung abgesoffen war und er sie aus dem Wasser gezogen hatte. Trotz der Atemnot hatte sie als Sechsjährige schon erkannt, dass er wahninnig schöne Augen hatte. Sie waren beste Freunde geworden und später, so mit zwölf, hatte er ihr den ersten Kuss gestohlen. Die Anziehungskraft zwischen ihnen war unbestreitbar. Auch jetzt weckte allein sein Atemgeräusch im Telefonhörer die seit Langem schlafenden Glühwürmchen in ihrem Magen auf. Sie zappelten und tanzten vor Freude. Nora zwang sie zur Landung und bemühte sich, sich zu konzentrieren. Das Gespräch war zu wichtig. Sie musste wissen, wie er sie gefunden hatte.