Ein Kater für zwei Herzen

Lina und ihr Nachbar Lukas könnten unterschiedlicher nicht sein. Der zugeknöpfte Ingenieur liebt Recht und Ordnung, während die schusslige Lina das Chaos nur so anzieht. Am liebsten würden sie sich aus dem Weg gehen, doch es gibt ein Problem: Beide sind davon überzeugt, rechtmäßige Besitzer von Kater Karlo zu sein, der zwischen ihren Grundstücken hin und her stromert. Ein geteiltes Sorgerecht kommt auf keinen Fall infrage! Ein wilder Kampf um das Haustier entbrennt – bis Lina und Lukas erkennen, dass sie womöglich mehr gemeinsam haben als nur ihre Tierliebe …

Leseprobe
Winterkälte
Ich gebe es zu: Ich bin ein Kater mit Identitätsproblemen. Das ist aber nicht meine Schuld, sondern die der verrückten Menschen. Als ich noch klein war, hieß ich noch »Oh, wie süß« oder »Bist du niedlich«. Später dann »Hau ab«, »Katzenvieh« oder »wo ist meine Wurst?« Letzteres wurde ich sehr oft genannt, da ich mich auf das Plündern von Frühstückstischen spezialisiert hatte. Mäuse aß ich eher ungern. Erstens waren sie schnell und zweitens roh. Ich mochte lieber geräuchertes Fleisch.
Je älter ich wurde, desto deutlicher erkannte ich: Auf Dauer würde ich mit meiner Methode auf der Straße draufgehen. Es war also Zeit, sich ein Zuhause zu suchen. Es musste jedoch eins sein, wo ich stets mein Fressen und ein paar Streicheleinheiten bekam, ansonsten aber frei ein und aus gehen und mein eigener Kater bleiben konnte.
Ich probierte es zunächst mit einer Familie mit Kindern, aber die kleinen Quälgeister zogen mir am Schwanz oder fassten mir in die Augen. Also suchte ich weiter. Bei einem älteren Mann hätte es mir gut gefallen, doch der faselte was von »Kastration« und bedauerte mich dabei. Ich weiß bis heute nicht, was das ist, aber ich ging auf Nummer sicher und verließ ihn.
Ein Schneesturm führte mich schließlich zu Charlottes Haus. Es sprach mich sofort an: ein verwilderter Garten mit Maulwürfen, Mäusen und Vögeln als Zwischensnack, dazu ein etwas windschiefes Gebäude plus knarzender Veranda, Schiebefenstern und löchrigen Gardinen. Besonders letztere gefielen mir, denn Charlotte fand es nicht schlimm, wenn ich mich daran hochhangelte, um von der Gardinenstange auf sie hinunter zu maunzen.
Ein Paradies!
Die Schindeln hingen genauso schief auf dem Dach wie das Gebiss im Mund von Charlotte. Das machte beide irgendwie sympathisch. Da mein neues Frauchen eine Künstlerin war, roch es stets nach Farben, Ton und wilden Ideen. Absolut mein Ding.
Ich hatte mir Charlotte also selbst ausgesucht. Ihre Aufmerksamkeit zu erlangen, war nicht weiter schwer. Ich musste nur ins Haus eindringen, ein paar ihrer Farbeimer umschmeißen und dann als arme verfärbte Katze mittendrin hocken. Charlotte fotografierte mich zunächst als Kunstwerk, machte mich dann zu ihrer Muse und adoptierte mich schließlich. Seitdem heiße ich Pablo Picasso, Rufname Picasso oder schlicht »Schätzchen«.
Das Leben hätte so einfach sein können, allerdings vergaß Charlotte ständig, mich zu füttern. Theoretisch hätte ich mich ja selbst aus dem Kühlschrank bedient (ich war ja schließlich groß und erwachsen), doch dummerweise war meine süße alte Künstlerin Vegetarierin.
Ich musste schon sehr lange und sehr laut maunzen, bis sie eine Dose für mich öffnete. Der Inhalt war dann leider … nicht immer mein Geschmack. Meist billiges Zeug aus dem Discounter. Daher stand ich bald vor dem Problem meines Lebens: verhungern, das Zeug runterwürgen oder mir eine neue Bleibe suchen.
Da ich Charlotte wahrhaftig in mein steinhartes Katerherz geschlossen hatte, fiel mir die Entscheidung überraschend schwer. Zum Glück schlug das Schicksal zu.
Auf einem meiner zahlreichen Streifzüge nach einem Alternativzuhause entdeckte ich eine Villa, die im deutlichen Kontrast zu Charlottes Hutzelhäuschen stand. Die Schindeln lagen streng aufgereiht wie Zinnsoldaten, Maulwürfe wagten sich nicht hinter den militärisch anmutenden Riesenzaun, und alles schrie nach Geld, Luxus – und gutem Essen.
Normalerweise mied ich solche Anwesen, weil hier häufig eines dieser versnobten Schoßhündchen wohnte. Die kläfften zwar nur und machten einen auf Larry, waren aber ansonsten total einfach zu vertreiben. Trotzdem war es nervig, vor allem, weil die Frauchen immer so taten, als wollte ich ihren süßen Knuddelhunden ans Leder. Nichts lag mir ferner! Ich hatte nur vor, in den Fressnapf zu gucken und diesen gegebenenfalls zu plündern.
Dass ich trotzdem das Grundstück betrat, zeigte meine Verzweiflung. Ich hatte heute Morgen lediglich ein ausgetrocknetes Stück Tofu als Frühstück erhalten. Charlotte meinte das keineswegs böse. Sie war dürr und klapprig. Für sie reichte solch ein Fressen. Für mich nicht.
Ich stromerte also Richtung Haupthaus und entdeckte in einem Gebäude direkt neben der Haustür mehrere Kartons. Im Kartonöffnen war ich mittlerweile großartig. Augenblicklich huschte ich dorthin. Kein Mensch weit und breit.
Allerdings hatte ich die Rechnung ohne das automatische Rolltor gemacht. Bevor ich es hinausschaffte, fiel es ins Schloss, und ich war gefangen. Zunächst lenkte ich mich ab, indem ich sämtliche Kartons durchstöberte. Kleidung. Fotos. Computerzubehör. Mist. Schließlich sah ich ein, dass ich hier nichts Essbares finden würde, und suchte intensiver nach einem Ausgang. Ohne Erfolg. Erst jetzt begriff ich, dass ich mich in einer Garage befand. Das Auto fehlte, stattdessen stapelten sich Gepäck und anderes Zeug. Ein Umzug, schlussfolgerte ich. Danach geschah erst einmal sehr, sehr lange Zeit nichts, und ich wurde immer nervöser, hungriger und letztlich panisch.
In einer Garage zu sterben war einfach nur peinlich!