Seelentraum – das schlafende Wolkenvolk

Aya Teufelsbraut hat den gefährlichsten Job der Welt: Hoch oben am Himmel hütet sie eine Herde Wolkenschafe. Das fliegende Volk gilt als ausgestorben, die Himmelsstädte sind verwaist. Einzig die Schafe erinnern an die vergangene Welt. Doch dann erweckt Aya versehentlich den mächtigen Wolkenkrieger Enron zum Leben und löst damit den Untergang des Erdenvolkes aus. Um ihre Familie zu retten, muss Aya herausfinden, warum das Wolkenvolk vom Himmel fiel. Das jedoch ist eine Mission, die ihr ganzes Leben infrage stellt.

Hier geht es zur Verlagsseite

Leseprobe
Von Schafen, Drachen und Himmelsstädten
Der Eisdrache hatte uns entdeckt und griff direkt an. Ich sah die
letzten Sonnenstrahlen auf seinen glitzernden, fast durchsichtigen
Schwingen tanzen. Ein Farbenspiel aus Hellblau, Saphir und
Azur. Jede Bewegung seiner Muskeln war ein faszinierendes Spektakel.
Wie Eis, das in der Sonne flimmert. Funkelnd und geheimnisvoll.
Erst als ich in seine tiefblauen Augen sah, wurde mir die Gefahr
richtig bewusst. Augen. Ich konnte sie sehen. Das hieß, dass der Eisdrache direkt auf mich zukam. Bereit, zu töten. Entschlossen, uns
endgültig loszuwerden.
Er duckte sich tiefer, schlug noch kräftiger mit den gigantischen
Flügeln. Dabei war er schnell. Schneller als jedes andere Geschöpf, das ich kannte. Messerscharfe Krallen sausten auf mich zu. Ich entging
ihnen nur durch Zufall, denn eine Wolke riss genau unter mir auf.
Ich sackte ein und die Klauen verfehlten meinen Körper um Haaresbreite.
Die letzte Kralle erwischte noch den Zipfel meines Hemdes,
riss es auf. Schreiend machte ich mich ganz klein.
Der Drache brüllte wütend, weil er mich nicht geschnappt hatte.
Er versuchte umzudrehen und flog dabei einen weiten Kreis. Das gab
mir Zeit zum Reagieren.
»Runter von der Wolke«, schrie ich meinen Wolkenschafen zu. Wir
hatten das Manöver schon unzählige Male geübt, bislang jedoch keine
Verwendung dafür gehabt. Im Allgemeinen war die Wolkenwelt friedfertig und sicher. Nur in der Nähe von fliegenden Wolkenfestungen musste man aufpassen. Die wurden von Eisdrachen bewacht.
Ich hatte darauf spekuliert, dass dieser Wächter uns akzeptieren
würde. So wie vor zwei Jahren, als ich schon einmal in der Nähe der
Himmelsfestung Siedengrad gewesen war. Damals hatte der Drache
lediglich Scheinangriffe auf uns ausgeführt und war dann verschwunden.
Heute sah das leider anders aus. Ganz anders.
Er wollte uns töten. Das sah ich an der Wut in seinen blauen
Eisaugen. An jeder seiner Bewegungen. Entweder er oder ich.
Während die Wolkenschafe mich noch verwirrt anglotzten, war
mein Hütehund Fluse schon in voller Aktion. Sie zwickte Donnerwetter
in die Hinterbeine, woraufhin er einen erschrockenen Hüpfer
nach vorne machte. Der Rest der Herde folgte dem nachtschwarzen
Leithammel in die gewünschte Richtung. Fort von der Festung, rüber
auf eine andere Wolke.
Falls sie es bis dahin schafften.
Der Eisdrache hatte mittlerweile umgedreht und kam zurück.
Diesmal flog er langsamer und zielte besser. Mist! Ich sprang in letzter Sekunde zur Seite und versank ein ganzes Stück in der Wolke. Sofort quiekte ich erschrocken auf und hielt die Luft an. Nicht abstürzen.
Bitte nicht. Die watteweichen Schwaden waren einfach nicht dafür
ausgelegt, einen Menschen bei Sprüngen zu tragen. Man musste sich
vorsichtig bewegen. Das Gewicht ausbalancieren. Nur so konnte ein
Hirte in dieser Welt überleben. Einer Welt, die für uns ungeeignet war.
Im Gegensatz zu den Schafen war ich nicht in der Lage, im Notfall
zu fliegen, sondern musste auf die magische Wolle an meinen Füßen
vertrauen. Sie war ein Hilfsmittel, ein Trick, um über Wolken zu wandern.
Für schnelles Laufen oder gar Hüpfen war sie jedoch unbrauchbar.
Sie benötigte einen Moment, um sich zu festigen. Erst dann hatte
sie sich vollkommen verankert, festgesogen. Wenn ich nicht abstürzen
wollte, musste ich mich langsamer bewegen.
Bei einem angreifenden Drachen kam das einem Todesurteil
gleich. Die Frage war also: Weiter so schnell rennen und den Tod riskieren oder sich die Ruhe antun und vom Drachen gefressen werden?
Tolle Optionen.
»Nicht hinfallen. Auf den Füßen bleiben«, hörte ich die mahnende
Stimme meines Bruders Aiden. Er war einer der besten Wolkenschafhüter
unserer Akademie. Während die meisten seines Jahrganges
schon längst in den Tod gestürzt waren, lebte er weiterhin bei seiner Schafherde im Himmel. Er wusste, wie man überlebte. Sobald ich in Gefahr geriet, vernahm ich seine ruhige Stimme im Kopf. »Durchatmen. Langsam bewegen. Nicht krabbeln!«
Ich kam auf die Beine und registrierte dabei, dass meine Schafe
in eine andere Richtung als ich flohen. Fluse trieb sie gnadenlos an
und sorgte dafür, dass sie den Abstand zu mir vergrößerten. Clever.
Der Drache hatte es nur auf mich abgesehen und ließ die Schafe
in Ruhe.
Das war natürlich schön für sie, allerdings weniger schön für mich.
Wie immer bildete Sonnenbogen das Schlusslicht. Die Schafdame
war nicht dazu geschaffen, schnell zu reagieren. Sie war eine Träumerin.
Eine Trödlerin. Eines Tages wurde ihr das garantiert mal zum
Verhängnis.
Apropos Verhängnis.
Da ich keineswegs vorhatte, die nächste Mahlzeit des Drachen
zu werden, entschied ich mich fürs Rennen, natürlich in entgegengesetzter Richtung zu meiner Herde. Als gute Hirtin musste ich alles daransetzen, meine Schafe zu schützen. Sie waren das Wichtigste in meinem Leben. Ich hatte meiner Familie geschworen, sie zu verteidigen, denn sie waren das Kostbarste, was mein Vater besaß.
Zeit also, meinen Wert unter Beweis zu stellen.