Aeri – Das Band der Magie

Der 17-jährigen Aeri reicht es so langsam: Nicht nur, dass sie seit Jahren allein im Wald lebt und die Menschen sie meiden – jetzt schleicht auch noch ein schwarzer Riesenwolf vor ihrer Hütte herum. Kurzerhand jagt sie ihm zwei Pfeile in den Pelz. Anstatt allerdings auf sie loszugehen, rettet ihr der Wolf das Leben und zieht danach in ihrer Hütte ein.

Schon bald stellt Aeri fest, dass irgendwas mit diesem Wolf nicht stimmt: Mal ist er ganz Tier und dann wieder so seltsam menschlich. Das Mädchen setzt alles daran, hinter das Geheimnis des Wolfes zu kommen, doch eine Sache entgeht beiden bis zum Schluss: Wenn sie sein Schicksal enträtseln, wird der Wolf sterben.

Ein Band zwischen zwei Liebenden.
Ein Band, das töten wird!

Kapitel 1 – Die Jagd

Ich hatte ihn bereits seit Wochen im Visier.

Mal sah ich seine schwarze Rute über den Büschen aufblitzen, mal entdeckte ich seine beeindruckenden Pfotenabdrücke im Schnee. Jede Kralle war etwa so lang wie die Spanne meiner Hand. In die Pfotenballen passten meine Füße bequem nebeneinander hinein und hatten sogar noch Platz, um darin Ringelreigen zu tanzen.

Als Mädchen allein im Wald zu überleben, war nicht gerade einfach. Doch wenn draußen ein riesiger Wolf herumschlich, wurde das Leben unvermittelt zur Herausforderung. Ich war nicht ängstlich, aber dieses Vieh, das machte mir Angst, denn offensichtlich hatte es großes Interesse an mir. Warum sonst sollte es jeden Morgen und jeden Abend um meine Hütte streifen? Bestimmt nicht, um Tee zu trinken.

Es half außerdem nicht, dass Meeha, mein kleiner Spürhund, seit vier Tagen zitternd in der Ecke hockte. Sie weigerte sich strikt, nach draußen zu gehen und hatte mir bereits zwei Mal in die Ecke gepieselt.

Deshalb ließ meine Laune sehr zu wünschen übrig.

Das erklärte auch, warum ich mich an diesem Morgen anzog – Schneestiefel, den mottenzerfressenen Bärenmantel, Handschuhe und das zerfledderte Etwas, das ich als Hut benutzte und eigentlich ein Topflappen war – und mir meinen Bogen schnappte. Ich war eine gute Schützin, nur jagte ich normalerweise nichts, was größer als ein Schneehase war. Rehe oder Hirsche erlegte ich äußerst ungern, weil sie so wunderschöne Augen hatten. Von Raubtieren ließ ich generell die Finger. Man wusste nie, wessen Onkel, Mama oder Tochter man gerade erlegt hatte. Unsere Tierwelt war im Allgemeinen nachtragend.

Dass ich mit einem Mal zum Großwildjäger wurde, ließ sich nur mit meiner Wut erklären. Ich hatte die Schnauze gestrichen voll. Besser, ich begann die Jagd als umgekehrt.

„Nur ein toter Wolf ist ein guter Wolf!“, sagte ich und versuchte, mich damit zu motivieren.

Meeha jaulte kläglich in der Ecke, und meine Motivation wankte kurz. Sie kam vorsichtig näher, geduckt, winselnd. Das sah ihr überhaupt nicht ähnlich. Normalerweise war sie so tapfer wie ich, zumindest in Anbetracht ihrer Größe: Sie reichte mir gerade mal bis zu den Waden.

Ich hatte Meeha ohnehin im Verdacht, ein seltenes Wechselwesen zu sein. Das würde erklären, warum sie mal blau, mal rot und ab und zu bunt getupft war. Heute war sie ihrer Stimmung entsprechend grau.

Ich kniete mich zu ihr nieder. „Bleib hier, Meeha! Das ist nichts für dich.“ Ich strich durch das seidige Fell und zeigte auf das fröhlich knisternde Feuer, in dem sich gerade zwei Feuergeister vergnügten. „Pass auf die beiden auf, damit sie uns nicht die Bude abfackeln!“

Meeha wirkte unschlüssig, ehe ihr Überlebenswille siegte. Sie trollte sich zum Feuer. Auf Feuergeister aufzupassen war genau ihr Ding. Da war es nämlich schön warm und relativ ungefährlich.

Ich zog mir den Bogen über eine Schulter, ergriff den abgewetzten Pfeilköcher und trat aus der Tür, bevor ich es mir anders überlegen konnte.

Die Kälte krallte sich sofort in der Nase fest.

Ich schätzte kurz die Umgebung ab. Es war klirrend kalt, der Schnee reichte fast bis zur Veranda. Er musste etwa zwei Ellen hoch liegen. Obendrauf war er gefroren. Gut! Dadurch würde ich nicht so tief einsinken.

In dieser Sekunde klirrte der Atem fröhlich vor meinem Mund. Die Frostgeister hatten mich gefunden.

Frostgeister waren süße, kleine Dinger. Sie suchten sich den wolkigen Atem eines Geschöpfes aus, um darin zu baden. Das machte sie glücklich – und anschließend klingelten und klirrten sie unsichtbar vor sich hin.

Ich begrüßte die Truppe mit einem Nicken – es mussten viele sein, dem Lärm nach zu urteilen – und sprang von der Veranda. Der Schnee verschluckte mich bis zu den Waden.

Entschlossen stapfte ich los, den Pfotenspuren folgend. Tief im Inneren wusste ich, dass das keine gute Idee war, deshalb wollte ich nicht allzu genau darüber nachdenken. Es war früher Morgen, die Sonne hatte sich bisher nicht durch die grauen Nebelschwaden gekämpft. Es gab keinen Neuschnee, daher ließen sich die Pfotenspuren gut verfolgen.

Über mir knarrten die Bäume sanft vor sich hin, als wollten sie mich damit begrüßen. Wie jeden Morgen beugte ich ein wenig die Knie und nickte ihnen möglichst würdevoll zu.

Der Wolf war schwarz und riesig. Alles Indizien dafür, dass es sich hierbei nicht um einen normalen Wolf handelte. War er allerdings tatsächlich ein Veddawolf, ein magischer Teufelswolf, dann war ich … am Arsch. Und zwar so richtig.

Ich wollte jedoch nicht mehr länger auf meinen möglichen Tod warten. Wenn er mich haben wollte, würde ich den Zeitpunkt meines Ablebens bestimmen. Und dann gäbe es einen guten Kampf auf Leben und Tod.

Zur Sicherheit hatte ich deshalb die Tür zur Hütte lediglich angelehnt, damit Meeha herauskonnte, falls ich nicht zurückkam. Stopp! Darüber wollte ich nicht nachdenken.

Ich kam auch nicht mehr dazu, denn ich versank abrupt bis zum Knie im Schnee und musste mich befreien. Die nächsten zehn Minuten war ich damit beschäftigt, zweihundert Schritte weit zu kommen. Soviel zu meiner Kondition.

Im Anschluss war ich schweißgebadet und schnaufte wie ein Bulle kurz vor dem Angriff.

Gerade wollte ich mich weiterquälen, da sah ich ihn – den gigantischsten Wolf, der mir je begegnet war.

Er sah mich nicht.

Sein Fell war schwärzer als alles, was ich je gesehen hatte. Von der Kralle über den Schwanz bis zur Schnauze: alles schwarz. Er schnüffelte auf dem Boden, die Nase tief im Schnee vergraben. Obwohl er sich dadurch duckte, war mir klar, wie riesig er war. Stände er neben mir, ginge er mir locker bis zur Schulter.

Es war beängstigend.

Ebenfalls beängstigend war das, was ich tat. Fünfzig Schritte war er von mir entfernt. Fünfzig Schritte! Freies Schussfeld, denn er buddelte still mitten auf einer Lichtung vor sich hin. Ich war durch ein paar hutzlige Büsche einigermaßen getarnt – und über diese konnte ich gut zielen. Perfekt.

Ich nahm den ersten Pfeil zur Hand, legte ihn auf die Sehne und schoss, ohne großartig darüber nachzudenken.

Ich traf ihn!

Was jedes normale Wesen auf der Stelle umgehauen hätte, ließ ihn jedoch lediglich schwanken. Sekunden danach schnellte der riesige Schädel zu mir herum.

Fast sofort verstummte das Klingeln vor meinem Mund, denn selbst die Frostgeister hatten sich verzogen. Ja, danke auch!

Ich hatte rot glühende Augen erwartet, irgendwas Unheimliches. Stattdessen starrte ich in ein Meer blauer Farbe. Wunderschön …

Das Vieh sprang auf mich zu. Zwei Sätze, drei Sätze. Weniger wunderschön.

Ich schoss einen zweiten Pfeil, der ihn ebenfalls traf, diesmal vorn in die Brust. Er stoppte ihn allerdings nicht.

Zwei Schritte trennten uns, ein Schritt. Das wäre die letzte Chance gewesen, um auf einen Baum zu fliehen. Da war er über mir.

Sein riesiges Maul sprang mir entgegen. Ich schrie, riss die Arme hoch und erwartete, gigantische Zähne in der Haut zu spüren. Stattdessen trafen mich an der Brust zwei Pfoten, so groß wie Kamelhufe.

Ich fiel um, rücklings in den nächsten Busch.

Immerhin knallte ich ihm noch den Bogen gegen die Ohren, aber er knurrte nur. Ich wurde reglos wie ein Steingeist, der sich sonnte, denn keine zwei Handbreit vor meiner Nase klaffte sein Gebiss auf. Die Zähne waren so lang, dass ich sie nicht in mein komplettes Sichtfeld bekam. Sein Gewicht schnürte mir den Atem ab und der Busch, auf dem ich lag, bohrte mir spitze Zweige in den Rücken.

Trotz meiner Panik bemerkte ich drei Dinge gleichzeitig: Der Wolf roch nicht so schlecht aus dem Hals, wie es Raubtiere für gewöhnlich taten, nach verrottetem Fleisch, fehlender Zahnhygiene und Magensäure. Er belastete mich nicht mit dem vollen Gewicht, sonst hätte ich nicht mehr atmen können. Und: Ich lebte noch, was erstaunlich war.

Stattdessen brüllte er mich an, dass es mir in den Ohren klingelte.